Ein Fallbeispiel: Johanna, 17, vielseitig, neugierig, aber planlos

Ein Fallbeispiel: Johanna, 17, vielseitig, neugierig, aber planlos„Wenn ich mich nicht für so vieles interessieren würde, hätte ich es leichter.“

Das war einer der ersten Sätze, die Johanna sagte, als ich sie kennen lernte. Die 17jährige stand ein halbes Jahr vor dem Abitur, das sie voraussichtlich mit einer Note zwischen 1,6 und 1,8 abschließen würde. Ein Jahr war sie als Austauschschülerin in den USA gewesen. Seit dieser Zeit gehörte Englisch zu ihren Lieblingsfächern. Aber auch Mathe, Biologie und Wirtschaft zählte sie zu ihren Favoriten. Und in Deutsch und Sport hatte sie ebenfalls gute Noten.

Ein gar nicht seltenes Dilemma: Da saß wieder einmal eine überaus talentierte und vielseitige Jugendliche vor mir – die einfach nicht wusste, wohin ihre vielen Fähigkeiten und Interessen sie beruflich führen sollten.

Die einzige Idee, die Johanna hatte: „Es soll was mit Menschen und auf keinen Fall langweilig sein!“ Jura, Medizin, Mathe oder Internationales Management zu studieren, schloss Johanna gleich mal per se für sich aus.

Referate, Teamarbeit, Zahlen – das mochte Johanna

Mit diesen Voraussetzungen gingen wir ins Coaching. Ich erfuhr, dass ihre Mutter Ärztin ist, ihr Vater Leiter des Controllings in einem Konzern. Johanna erzählte von ihren Vorlieben in der Schule: Referate halten mochte sie, sie arbeitete gern mit anderen zusammen, konnte sich aber sehr gut allein organisieren und für die Schule vorbereiten. Sprachlich war Johanna ein kleines Genie und brachte parallel ein hervorragendes Zahlenverständnis mit. Sie las den Wirtschaftsteil in der Zeitung und machte sich Sorgen wegen der Umweltverschmutzung.

Durch den Big-Five-Persönlichkeitstest, den Johanna wie jeder meiner Coachees vor unserem gemeinsamen Tag ausgefüllt hatte, wusste ich noch so einiges mehr über sie:

Johanna war ein eher ruhiger Mensch, kommunikativ, aber kein Party-Typ, selbstbewusst, voller Tatkraft mit einer normalen Portion an Respekt vor schwierigen Aufgaben, kooperativ, aber auch durchsetzungsstark, wenn sie ein Ziel vor Augen hat, aufgeschlossen für ganz neue Ideen, hilfsbereit, diszipliniert und manchmal sehr spontan.

In unserem langen Gespräch wirkte sie klug, offen und neugierig und brachte auch eine gesunde Skepsis mit. Ihr Ehrgeiz und ihr Drang, immer alles bestens machen zu müssen, strengte sie selbst häufig an. Auch von ihrem sportlichen Engagement erzählte sie, genauso wie von der Scheidung ihrer Eltern oder einem Unfall, bei dem sie durch ihre Geistesgegenwart und Besonnenheit ihre Mutter vor Schaden bewahren konnte…

Johanna litt unter ihrer fehlenden Perspektive

So gewann ich nach und nach einen guten Eindruck von Johannas Persönlichkeit. Ich hatte eine junge Frau vor mir, die mit großer Freude lernte, sich für viele Themen begeisterte und voller Tatkraft war. Und nun wollte sie endlich Klarheit haben, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollte. Denn Johanna litt unter ihrer fehlenden Perspektive: „Wenn ich nur ein Zahlenfreak wäre wie mein Vater“, sagte sie, „dann würde ich BWL studieren und ins Controlling gehen. Aber das bin ich nicht.“

Nach einigen Stunden, in denen ich mit Johanna gemeinsam ihren Werdegang reflektiert hatte, über Erwartungen ihres Umfelds und ihre eigenen Ängste gesprochen hatte, forderte ich sie zum „Träumen & Phantasieren“ auf: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Wunsch frei und könnten Ihren, vielleicht heimlichen, Traum erfüllen und das tun, was Sie wollten – unabhängig von allen Bedingungen und davon, was andere denken: Was wäre es?“ Und wie aus der Pistole geschossen sagte Johanna: „Pilotin werden!“ Und mit Begeisterung erzählte sie, wie faszinierend sie diese Aufgabe fände: die ganze Welt als Arbeitsplatz haben, Sonnenaufgänge in 10.000 Metern Höhe erleben, sich mit Navigation, Meteorologie und Aerodynamik beschäftigen, Verantwortung tragen.

Pilotin – das ist es! Oder?

Und das passte: Als Pilotin könnte sie ihre vielfältigen Begabungen und Interessen ausleben. Ihre Nervenstärke würde ihr zugute kommen, ihre Teamfähigkeit und ihre Klarheit im Entscheiden. Ich sagte ihr, dass ich recht sicher sei, dass sie alle Übungen, Einstellungs- und Persönlichkeitstests gut meistern würde. Und ich sagte ihr auch, dass die medizinischen Hürden für eine Pilotenausbildung sehr hoch liegen – und dass wir darum einen Plan B entwickeln müssten.

Gesagt, getan: Plan B entwarfen wir mithilfe einer Methode, die ich recht häufig bei meinen Coachees anwende. Ich beschreibe ihnen die verschiedenen Funktionsbereiche in einem Unternehmen, ohne die ein Unternehmen – egal welcher Branche – nicht seine Unternehmensziele erfüllen kann. Und damit meine Coachees auch eine gewisse Vorstellung von den unterschiedlichsten Aufgaben bekommen.

Ich erläutere, was in Forschung und Entwicklung passiert, wie der Einkauf funktioniert, was die Produktion ausmacht, welche Logistik benötigt wird, welche Anforderungen an die IT gestellt werden, was Mitarbeiter in Marketing/Neue Medien und Vertrieb/Absatz leisten, was bei Finanzen gemacht und im Controlling bedacht werden muss, was Personalarbeit auszeichnet, die Aufgaben der Rechtsabteilung, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit … Was tun die Menschen dort? Welche Aufgaben haben sie? Welche Voraussetzungen sind nötig, um Einkäufer, Personalreferent oder Controller zu werden?

Da begannen Johannes Augen zu leuchten

Das alles habe ich auch mit Johanna durchgespielt. Sie stellte einige Nachfragen, wollte zu diesem und jenem noch mehr wissen – und wurde schließlich ganz aufgeregt: Einkauf und Logistik, das war es!

Sie nahm den Faden auf und spann ihn weiter: Eine Tätigkeit im internationalen Einkauf für anspruchsvolle, eventuell technische Produkte, wo sie ihr Interesse an wirtschaftlichen Themen einbringen, ihre Fremdsprachenkenntnisse einsetzen und sicherlich auch mal Auslandsreisen machen könnte – das alles würde ihr viel Freude bereiten. Und sie wäre stets im Austausch und Kontakt mit Menschen, könnte beraten, verhandeln, organisieren und koordinieren.

Vielleicht könnte sie sich auch im Bereich der Logistik weiterentwickeln? Und später ganze Warenströme eines Unternehmens leiten und Führungsverantwortung übernehmen? Informatik und Technik würden mit in ihren Aufgabenbereich hineinspielen, und trotzdem hätte sie ständig mit Kollegen und Geschäftspartnern zu tun. Einfach perfekt! Was Johanna besonders gefiel: Sie musste sich vorab noch gar nicht auf eine Branche festlegen. Einkäufer und/oder Logistiker würden schließlich überall gebraucht!

So hatten ihre Augen noch nicht mal bei der Pilotenausbildung geleuchtet. In diesem Moment war mir klar, dass wir mit der Entwicklung Plan B den eigentlichen Plan A gefunden hatten. Und Johanna wusste das in diesem Moment auch.

Ein Jahr später schrieb sie mir und bedankte sich noch einmal für meine Hilfe und Unterstützung: Sie hatte ihr Abi mit 1,6 gemacht, hatte sich nicht als Pilotin beworben, sondern an der Hochschule Pforzheim, wo sie seit einem Semester „Einkauf & Logistik“ studierte. Sie sei sehr glücklich damit.